Der Standard, 20.09.2007
Wenn das Geld nicht für die Miete reicht
Versuch in Vorarlberg: 83 Prozent der Delogierungen konnten verhindert werden
Bregenz - "Menschen, die von Wohnungsverlust bedroht sind, weil sie die Miete nicht zahlen können, sind schlichtweg arm", sagt Heidi Lorenzi, Koordinatorin des Projekts Delogierungsprävention des Instituts für Sozialdienste.
Dem Wohnungsverlust vorzubeugen sei nicht nur Einzelhilfe, sondern "ein Beitrag zur Armutsbekämpfung", sagt Lorenzi. Seit September 2005 versucht die Sozialarbeiterin, in Kooperation mit Gemeinden und Wohnbaugesellschaften zu verhindern, dass Menschen per Räumungsbescheid auf der Straße landen.
Vergangenen Mittwochabend wurde bei einer Veranstaltung mit Wiener und Berliner Expertinnen Zwischenbilanz gezogen. Die Statistik: In 18 Berichtsmonaten war die Projektstelle mit 260 drohenden Delogierungen konfrontiert, 60 Prozent davon betrafen Familien mit Kindern. In 83 Prozent der Fälle konnte in Kooperation mit Vermietern und Gemeinden der Rausschmiss verhindert werden. Gründe für Mietrückstände sind Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung, die hohen Wohnungskosten. Lorenzi: "Die Relation Einkommen - Miete stimmt nicht. In 35 Prozent der Fälle waren die Menschen erwerbstätig. Das Einkommen reichte aber für die Miete nicht aus." Bei den Wohnungskosten liegt Vorarlberg im österreichischen Spitzenfeld.
Eine "erschreckende Erfahrung" der Sozialarbeiterin: "Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie Anspruch auf Sozialhilfe oder Wohnbeihilfe haben." Von den 260 Haushalten bezogen lediglich elf Prozent Sozialhilfe. Nicht nur Unwissen, "auch Scham oder Hilflosigkeit" hindere sie, sich an Gemeinde oder Bezirkshauptmannschaft zu wenden.
Die Berliner Sozialwissenschafterin Susanne Gerull teilt diese Erfahrung mit den Vorarlbergern. In Berlin verlieren 34 Prozent der Menschen ihre Wohnung wegen Überschuldung. "Aufsuchende Hilfe" ist für Gerull die beste Möglichkeit, "mit gefährdeten oder in Armut lebenden Menschen Kontakt aufzunehmen". Das Ziel: Entschuldung und Stärkung der Eigenverantwortung.
Delogierungsprävention hat, laut deutschen und österreichischen Zahlen, einen wesentlichen volkswirtschaftlichen Effekt. Der Deutsche Städtetag errechnete, dass die Erhaltung einer Wohnung für Kommunen 7-mal billiger ist als die Unterbringung von Wohnungslosen. Laut Renate Kitzman von der Wiener Fachstelle für Wohnungssicherung (FAWOS) verursacht die Reintegration die zehnfachen Kosten von Prävention.
Die Botschaft dürfte in der Vorarlberger Landesregierung angekommen sein. Landesrätin Greti Schmid (ÖVP) sagte bereits zu, dass das 2007 auslaufende Pilotprojekt verlängert wird.
(Jutta Berger, DER STANDARD - Printausgabe, 21. September 2007)