Die BIG-Hotline bei häuslicher Gewalt
Projektvorstellung

in: Quer 04/01

BIG e.V.

Der Verein "Berliner Initiative gegen Gewalt gegen Frauen" (BIG e.V.) wurde 1994 gegründet, um ein neuartiges Projekt im Anti-Gewalt-Bereich zu installieren: das Berliner Interventionsprojekt gegen häusliche Gewalt. Als Bundesmodellprojekt wird es - zunächst bis Ende diesen Jahres - zu gleichen Teilen vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen gefördert.

Aktuell werden in fünf Steuerungsgremien mit mehr als 50 ExpertInnen durch vier Projektkoordinatorinnen Arbeitsgruppen zu spezifischen Themen geleitet, in denen Mitarbeiterinnen aus Anti-Gewalt-Projekten und VertreterInnen diverser Institutionen wie der Senatsverwaltung für Frauen und der Polizei aktiv sind. Weitere Gremien von BIG e.V. sind der Runde Tisch, das BIG-Forum sowie das Projekteplenum. Ziel ist die Schaffung stabiler Kooperationsstrukturen, die Implementierung des Themas in den Institutionen und der Aufbau einer Clearingstelle.

Die BIG-Hotline gegen häusliche Gewalt

Als zweites Projekt von BIG e.V. wurde im November 1999 die Hotline gegen häusliche Gewalt eröffnet, die im Wesentlichen durch Zuwendungen der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen finanziert wird. Unter einer einheitlichen Rufnummer wird betroffenen Frauen in der Zeit von 9:00 Uhr bis 24:00 Uhr ein Beratungsangebot gemacht. Die Hotline steht aber auch professionellen HelferInnen zur Verfügung sowie Menschen, in deren Umfeld es zu häuslicher Gewalt gekommen ist.

Die Hotline wird von zwei hauptamtlichen Koordinatorinnen geleitet (je 75% RAZ) , die von einer Verwaltungskraft (75% RAZ) unterstützt werden. Die Beratung wird mittels Rufumleitung montags bis donnerstags in der Zeit von 9:00 Uhr bis 18:00 Uhr durch die vier Frauenberatungsstellen Bora, Frauenraum, Frauentreffpunkt und Tara übernommen. Freitags und am Wochenende sowie täglich in der Zeit von 18:00 Uhr bis 24:00 Uhr wird sie durch ca. 30 Honorarkräfte aus dem sozialen Bereich geleistet, die neben einer, zum Teil mehreren Fachqualifikationen im Rahmen der Arbeit bei BIG speziell geschult und für das Thema häusliche Gewalt sensibilisiert werden.

Das Spektrum reicht von der Weitergabe von Informationen (z.B. über rechtliche Möglichkeiten) über die individuelle Beratung in Gewaltsituationen bis hin zu Kriseninterventionen in akuten Notsituationen. Wichtig dabei ist die Niedrigschwelligkeit des Angebotes, da es den betroffenen Frauen eine erste Orientierungshilfe bietet, bevor Entscheidungen wie der Umzug in ein Frauenhaus oder die Anzeige des Täters getroffen werden müssen.

Die AnruferInnen

Bereits im ersten Jahr ihres Bestehens konnte die Hotline über 2.500 Telefonate registrieren. Fast die Hälfte der Anrufe erreichte die Honorarkräfte der Hotline selbst, d.h. die Beratung wurde außerhalb der üblichen Bürozeiten von Beratungsstellen und öffentlichen Institutionen beansprucht. Mehr als die Hälfte der AnruferInnen waren von Gewalt betroffene Frauen. Aber auch immer mehr Professionelle und PolizeibeamtInnen nehmen das Beratungsangebot der Hotline in Anspruch, was auf die erfolgreiche Arbeit der Koordinierungsstelle von BIG e.V. zurückgeführt werden kann.

Die Altersspanne bei den von Gewalt betroffenen AnruferInnen betrug 11 bis 87 Jahre. Die Hälfte von ihnen hatte Kinder oder pflegebedürftige Haushaltsangehörige zu versorgen. Fast 80% der Frauen waren psychischer Gewalt ausgesetzt, in fast 70% der Fälle war die Gewalt physischer Art. Fast jede 12. Frau hatte sexuellen Missbrauch erlebt. Mehr als ein Drittel der Anruferinnen befand sich in einer akuten Gefahrensituation und bei jeder fünften Frau hatte zum Zeitpunkt der Beratung bereits ein Polizeieinsatz stattgefunden. Etwa jede sechste Frau hatte schon Strafanzeige erstattet, die Täter waren hier fast ausschließlich Männer. Mehr als die Hälfte der betroffenen Frauen lebte mit dem Misshandler zusammen. In 4% aller Fälle erfolgte die Beratung in nichtdeutscher Sprache. Erweiterung des Angebots

Die bisherige Beratungsarbeit der Hotline bestätigte die Notwendigkeit, eine mobile Intervention in Krisensituationen anbieten zu können. Dies war bislang nicht finanzierbar. Durch eine Großspende war es möglich, im Mai 2001 ein dreimonatiges Modellprojekt "Mobile Intervention" zu starten, das in enger Kooperation mit zwei Polizeidirektionen der Bezirke Neukölln, Kreuzberg, Mitte und Tiergarten erfolgte. In aufsuchender Arbeit konnten betroffene Frauen zuhause oder an einem sicherem Ort beraten werden. Eine dauerhafte Finanzierung der Mobilen Intervention wird angestrebt.

Neben der unmittelbaren Hilfe für von Gewalt betroffene Frauen nimmt die Öffentlichkeitsarbeit der Hotline als wichtiges Mittel von Prävention einen großen Stellenwert ein. So wurde durch eine sechsstellige Zuwendung aus Lottomitteln im Sommer 2001 eine Plakatkampagne ermöglicht, die die Arbeit der Hotline bekannt machen sollte, aber auch die Öffentlichkeit stärker für das Thema häusliche Gewalt sensibilisieren sollte. 2001 erhielt die BIG-Hotline für ihre erfolgreiche Arbeit den Berliner Präventionspreis. Ziel bleibt allerdings, die Hotline überflüssig zu machen, weil Gewalt gegen Frauen nicht mehr stattfindet.

Susanne Gerull
Lehrbeauftragte und Promotionsstipendiatin der ASFH
Mitglied des Vorstands von BIG e.V.

Die BIG-Hotline kann durch Spenden unterstützt werden:
Spendenkonto: Deutsche Bank, BLZ 100 700 00, Kontonummer 398 000 000